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Haiti – Kleine Wellen der Hoffnung

Myriams Geschichte vom 12. Januar bis heute.

Es gibt zahllose Geschichten vom 12. Januar in Haiti, die niemand erfahren hat. Herzzerreißend, grotesk und ungerecht. Geschichten, die sich in das Gedächtnis jener, die hier waren, eingebrannt haben und uns, die wir nicht dort waren, unfassbar scheinen. Die Menschen, die es miterlebt haben, sind in grauenvolle körperliche und seelische Zustände gestoßen worden. Sie hatten keine Sekunde Zeit, um sich darauf vorzubereiten. Jene, die überlebt haben, tragen nun Narben jeder Art und können ihre neue Wirklichkeit nur schrittweise begreifen.

Vor kurzem bat ich Schwester Altagrace, Direktorin unseres Kinderdorfs mit 357 Kindern in Kenscoff, mir eine Geschichte über das Leben im Kinderdorf zu erzählen. Ich sagte, es könne etwas Allgemeines oder etwas Besonderes sein, motivierend oder schmerzhaft, und dass ich einfach die vielen Menschen, die reges Interesse an der Arbeit von UNSERE KLEINEN BRÜDER UND SCHWESTERN zeigen, am Leben im Kinderdorf St. Helene teilhaben lassen wollte. Ohne zu zögern erhob sich Schwester Altagrace aus ihrem Stuhl und rief nach Myriame. Einige Stunden später saßen Myriame und ich gemeinsam beim Tee und schauten auf die Berge.

Myriame

Myriame

Die 22-jährige Myriame hat insgesamt zwölf Jahre lang, von 1995 bis 2007, im Kinderdorf St. Helene, dem Dorf von UNSERE KLEINENBRÜDER UND SCHWESTERN gelebt und ist dort zur Schule gegangen. Das Erdbeben vom 12. Januar veranlasste sie dazu, zu Fuß an das große metallene Tor unseres Kinderdorfs in St. Helene zurückzukehren. In den frühen Morgenstunden des 13. kam sie dort an. Ich bat Myriame, die Einzelheiten dieses Fußmarsches sowie der Reise, auf der sie sich seither befindet, zu erzählen.

Jungs im Kinderdorf in Kenscoff

Jungs im Kinderdorf in Kenscoff

Myriame ist ein stiller Mensch voller Zuversicht und mit einem wissenden Lächeln. Bevor ich mit ihr über ihre persönliche Geschichte sprechen konnte, hatte sie einige Fragen an mich… Wieso wollte ich ihre Geschichte erfahren? Warum hatte Schwester Altagrace sie vorgeschlagen? Sie stellte mir diese Fragen ohne die geringste Andeutung defensiven Verhaltens, sondern viel mehr aus einer echten Neugier und bezaubernden Bescheidenheit heraus. Ich erklärte ihr, dass Menschen Interesse am Kinderdorf in St. Helene hätten und dass ihre Geschichte im Internet veröffentlicht werden würde. Des weiteren sagte ich ihr, dass die Schwester Myriame als gewaltige Hilfe und Inspiration vieler bezeichnet hatte, und sie für eine ganz besondere Persönlichkeit mit einer ganz besonderen Geschichte hielt. Myriame war gerührt von den Worten der Schwester, vor der sie offenbar großen Respekt hat, und war stolz darauf, ihre Achtung verdient zu haben.

Myriame verließ Kenscoff 2007, um ihre Ausbildung in Petionville weiterzuführen, dem Bezirk außerhalb von Port-au-Prince, in dem sich vor dem 12. das Father Wasson Center befand. Als Schülerin im Kinderdorf hatte sie stets gute Noten erhalten, hatte aber Schwierigkeiten mit Autoritätspersonen. Schwester Altagrace erzählt, dass Myriame sich leicht von anderen manipulieren ließ, eine so genannte „Mitläuferin“ war und dass sie sich häufig schlecht benahm, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. 2007 machte Myriame den damals höchstmöglichen Schulabschluss im Kinderdorf und ging, mit der finanziellen Unterstützung von UNSERE KLEINEN BRÜDER UND SCHWESTERN, nach Petionville, um dort die Oberschule zu besuchen. Sie lebte in Delmas 18, einem Bezirk von Port-au-Prince, und bewohnte gemeinsam mit ihrer Tante und acht Cousins eine Zwei-Zimmer-Wohnung. Täglich ging sie zur Schule und erhielt weiterhin gute Noten. Ihre gesamte Freizeit verbachte sie damit, ihrer Tante zu helfen, für die jüngeren Cousins zu sorgen, die für sie zu Geschwistern wurden. Die Verantwortung war groß; kein unüblicher Zustand hier. Sie arbeitete hart und ohne sich zu beklagen. Sie war froh, ihre Familie unterstützen zu können und dank UNSERE KLEINEN BRÜDER UND SCHWESTERN die Möglichkeit zu haben, sich weiterzubilden. In dieser Zeit besuchte sie das Kinderdorf kein einziges Mal.

Zerstörtes Gebäude in Petionville

Zerstörtes Gebäude in Petionville

Am Nachmittag des 12. Januar befanden sich Myriame und ihre Klassenkameraden in der Schule, als die Wände zu wackeln begannen. Sie konnte sich noch unter freien Himmel retten, bevor das Gebäude zusammenbrach. Doch nicht all ihre Klassenkameraden hatten soviel Glück. Sie beschreibt, wie geschockt und betäubt sie war, als die Welt um sie herum zu wanken und zusammenzubrechen begann. Nach einem Augenblick ungläubigen Schwindelgefühls lief sie zielstrebig in Richtung Delmas 18 los, um ihre Tante und ihre Cousins zu suchen.

Im nachfolgenden Chaos blockierte die Polizei den Weg von Petionville nach Delmas 18 und sperrte die Straße, trotz massiver Gegenanstrengung einer großen und verzweifelten Menschenmenge. Es gab also keine Möglichkeit, nach Hause nach Delmas zu gehen. Myriame entschloss sich, hügelaufwärts zurück nach Petionville zu kehren und zum Father Wasson Center zu gehen, wo sie Rat und Trost bei ihrer großen Familie von UNSERE KLEINEN BRÜDER UND SCHWESTERN suchen wollte. Bei ihrer Ankunft sah sie den desolaten Zustand des Gebäudes, das ehemals eine Klinik gewesen war, und bis dato als Therapiezentrum, Anlaufstelle für Volontäre und Verwaltungsbüro genutzt worden war. Als sie den Schutt und das Chaos erblickte, wuchs ihre Benommenheit und sie erzählt, dass Unglauben und Panik in ihr aufstiegen. Da sie nicht wusste, wohin sie gehen sollte und Angst vor der Dunkelheit des herannahenden Abends hatte, begann sie den Aufstieg in das Kinderdorf in Kenscoff. Mit dem LKW benötigt man mehr als eine Stunde für diese Strecke, die durch steile und kurvenreiche Hügel führt. Obwohl sie zögerte, mir die genaue Dauer ihres Marsches zu verraten, nehme ich an, dass sie mindestens sechs Stunden unterwegs war. Sie rastete einige Stunden im Haus einer Freundin, die sie aus ihrer früheren Zeit in Kenscoff kannte und kam schließlich im Morgengrauen des 13. Januar an unsere Türe des Kinderdorfs St. Helene.

Schild im Eingangsbereich des Kinderdorfs St. Helene

Schild im Eingangsbereich des Kinderdorfs St. Helene

Myriame erzählt, dass sie am Tor mit tröstlich offenen Armen empfangen wurde. Die Kinder hatten zwar Angst, waren aber in Sicherheit. Sie alle zögerten, die Gebäude zu betreten. Nachdem sie zwei Jahre lang für ihre Cousins gesorgt hatte, schlüpfte Myriame wie selbstverständlich in die Rolle einer Betreuerin, zunächst zwar nicht offiziell, doch dem Bedarf entsprechend angemessen und die Bedeutung der Lage erkennend. Manchmal kann ein Erwachsener in „unoffizieller“ Eigenschaft dabei helfen, Bande zu knüpfen, und so wurde Myriame schnell zu einer Quelle des Trostes und der Freundschaft für viele der Kinder, ganz besonders für die älteren Mädchen in Kay Joanne (Anmerkung der Redaktion: Kay bedeutet Heim). Nach ein paar Tagen suchte sie ihr Zuhause in Delmas auf und erfuhr, dass einer ihrer Cousins gestorben war. Das Haus war zerstört und ihre Familie schlief in Zelten unter freiem Himmel. Sie wollte ursprünglich bei ihrer Familie bleiben, um ihnen zu helfen, sich mit ihrem neuen Alltag und dem Verlust auseinander zu setzen, doch ihre Tante überzeugte sie zu einer Rückkehr nach Kenscoff, wo sie in Sicherheit sein würde. Ich fragte Myriame, ob sie „sicher“ vor Kriminalität oder „sicher“ vor einem weiteren Erdbeben gemeint hatte, und sie antwortete ohne zu zögern „beides“. Die nächsten drei Monate blieb sie im Kinderdorf St. Helene und hielt die Verbindung zu ihrer Familie per Telefon, einmal ging sie sie auch besuchen. Myriame ist hier eine unermessliche Stütze. Unter der Woche wechselt sie von Haus zu Haus in St. Helene, unterstützt die Vollzeitangestellten und ist den Kindern eine Hilfe und Freundin. An den Wochenenden arbeitet sie als Betreuerin, die jedes Wochenende von Haus zu Haus wechselt, damit die Festangestellten sich eine Auszeit mit ihren Familien außerhalb des Kinderdorfes nehmen können. Myriame bezeichnet die Mädchen im Kinderdorf mittlerweile als ihre Schwestern und Schwester Altagrace erzählt begeistert von Myriames Arbeit.

Am Montag kehrt Myriame an ihre Schule in Petionville zurück, die jetzt wieder öffnen wird. Die Schule ist noch immer stark beschädigt und der Unterricht wird in Zelten stattfinden. Myriame freut sich darauf, ihre Schullaufbahn weiter zu verfolgen und hat versprochen, an den Wochenenden weiterhin ins Kinderdorf  St. Helene zu kommen und hier zu arbeiten. Ihr verbleiben noch zwei Jahre auf der Oberschule. Danach möchte sie eine Ausbildung zur Krankenschwester machen und zwar mit dem Ziel, als Fachkraft ins Kinderdorf St. Helene zurückzukehren und medizinische Hilfe leisten zu können. Als Myriame und ich unser Gespräch beendeten, fragte sie zum dritten Mal, ob Schwester Altagrace wirklich gesagt habe, dass sie eine so große Hilfe sei. Als ich das mit Nachdruck bestätigte, sprühte sie vor Stolz.

Diese Geschichte ist ein weiteres Beispiel für die Arbeit von UKBS und wie sie dabei hilft, so vielen Menschen hier ein Ziel und Hoffnung zu geben. Die dringliche Hilfe durch ein Dach über dem Kopf, Mahlzeiten, medizinische Versorgung und Trinkwasserzuteilungen sind natürlich lebensnotwenig. Doch der gemeinschaftliche Sinn für einen übergeordneten Zweck und Hilfestellungen, dafür, einen Teil zum Ganzen beitragen zu können, ist genauso wichtig. Die Hoffnung und den inneren Frieden, den es hervorruft, Teil eines funktionierenden Systems zu sein, wahren Fortschritt zu erleben und an ihm teilzuhaben, sind unbezahlbar und ansteckend.

Myriame fühlt sich inspiriert von Schwester Altagrace, dem, was sie von sich selbst einbringt und bewundert sie dafür. Die jungen Frauen in Kay Joanne wiederum sehen Myriame und wie sie es schafft, mit der Katastrophe vom 12. Januar umzugehen, und sie fühlen sich ebenfalls inspiriert. Bobby Kennedy hat oft von den „kleinen Wellen der Hoffnung“ gesprochen und dass sie im Kampf gegen Armut auf dem Weg zu Gleichberechtigung und Gerechtigkeit manchmal alles sind, was uns bleibt. Wenn man ihnen erlaubt, zu wachsen, können die kleinen Wellen größere Wellen verursachen und Kreise ziehen und es entstehen Wellen, die Linderung und Konstanz bewirken. Myriame kehrt zurück zu ihrem Unterricht in Zelten und trägt dabei den Stolz auf ihre Arbeit im Kinderdorf St. Helene in sich. Sie fühlt sich stark von Schwester Altagraces Beispiel motiviert. Während die jungen Frauen in Kay Joanne sich mit ihrem Schulstoff beschäftigen und sich auf die Wochenendbesuche von Myriame freuen, sind die sich ausbreitenden kleinen Wellen nicht zu übersehen. Was mit einer offenen Tür auf dem Weg zu Schwester Altagraces Lächeln und ihrer Stärke begann, wächst nun in Myriame weiter und geht auf die empfindsamen Jugendlichen in Kay Joanne über. Die Hoffnung fließt mit dem Strom und die Wellen entwickeln sich.

Bitte unterstütztn Sie uns auch weiterhin mit ihren Spenden, damit der Strom weiterhin fließen und sich Wellen entwickeln können. Vielen Dank!

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